
OLIVER DÖRINGS Adaption von H.G. WELLS Science-Fiction-Klassiker „Die Zeitmaschine“ ist ein Hörspiel-Erlebnis der besonderen Art. Nie wurde die packende Geschichte um einen Mann, der in eine ferne Zukunft reist und dort das Grauen erlebt, aufwendiger inszeniert. Mit herausragenden „Hollywood-Stimmen“, einem phantastischen Sounddesign und filmreifer Musik wird Wells visionäres Werk zum Kopfkino.
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Um meine Reaktionen zu diesem Hörspiel ein wenig zu verdeutlichen, sollte ich vielleicht mein Kopfkino vorausschicken, welches sich abspielte als ich von der Ankündigung las, das Oliver Döring Hörspiele nach den Romanen von H. G. Wells machen würde:
>> Oh mein Gott, das wird ja was werden. Mit Krach, Explosionen und überlautem Schockkrempel kommt man da nicht weit und kann der sich solchen Klassikern überhaupt artgerecht annähern?
Also… er kann!
Zuerst einmal scheinen diese Gedanken nicht nur mir gekommen zu sein, denn Döring schickt den Zuhörer sofort zu Beginn des Hörspiels in diverse Richtungen, nur nicht in die, welche man befürchtet. Weder gibt es nach der überdramatischen Ankündigung des Titels durch Joachim Kerzel eine erwartete Explosion oder einen überlauten Musikeffekt, noch bleibt man genau da, wo man befürchtet zu sein, wenn die Geschichte beginnt.
Döring hält sich genau so wenig sklavisch an das Buch, wie es der Film aus dem Jahr 1960 getan hat. Er verlegt die Rahmenhandlung kurzerhand einfach in die Siebzigerjahre des letzten Jahrtausends und verpasst allem so einen neumodischen Anstrich, an dem er dennoch kratzt, wenn man das Kaminfeuer im Hintergrund knistern hört, wenn Ms. Watchett, wie in der Filmversion, die Gäste des Wissenschaftlers bewirtet, während sie auf ihn warten…
…bis der vollkommen fertig und angeschlagen aus dem Laboratorium torkelt um seine unglaubliche Geschichte über seine Reise durch die Zeit zum Besten zu geben.
Mehr zur Geschichte an sich zu erzählen wäre müßig, da sie hinlänglich bekannt ist und die Interpretationen Dörings ein wenig Schweigen benötigen, um nicht den Spaßfaktor am Hören durch zu viel Vorweginformation in die Tonne zu treten.
Trotz allen schlimmen Befürchtungen ist es Oliver Döring gelungen der Geschichte die Patina gehörig vom Leibe zu bürsten und sie in die heutige Zeit zu transportieren, ohne ihr den Touch eines Klassikers zu stark zu nehmen.
So ganz ohne Schreckeffekte und HUH-HAH kommt das Hörspiel dann doch nicht aus. Allerdings beschränken sich diese Momente wirklich nur auf das Zusammentreffen mit den Morlocks und sind somit auch vollkommen gerechtfertigt und nicht fehl am Platz.
Der Sprechercast sollte jedem Hörspielfreak auch im Nachhinein noch einen feuchten Schritt bescheren, denn neben Hans-Georg Panzak, Bernd Rumpf und Udo Schenk in den wirklich spielintensiven Hauptrollen, gibt es noch Susanna Bonasewicz, Oliver Stritzel, Sascha Rotermund, Jaron Löwenberg und diverse andere Stimmhochkaräter zu behören, welche von Luisa Wietzorek als „Weena“ ihren letzten Schliff erfahren.
Hatte Oliver Döring mir im Jahr 2000 bewiesen das Hörspiel ein wirklich erwachsenes und unterhaltsames Medium sein konnte, so empfand ich seine letzten Jahre bei „Sinclair“ und die meisten Produktionen von Imaga bisher eher als das dahinsiechen im Schatten von vergangenem Ruhm.
Mit der Zeitmaschine ist er für mich aber diesmal definitiv wieder zurück auf dem Parkett der Vorreiter für richtungsweisende Hörspielproduktionen angekommen.
Er verlässt sich nicht darauf, dass der angestaubte Stoff schon irgendwie durch den Namen des Autors und den Bekanntheitsgrad der Geschichte genug Aufmerksamkeit auf sich ziehen wird und man mit einer 08/15-Produktion im fannischen Bereich der Hörspielnerds eine gute Käuferschicht wird abgrasen können – er belebt die Geschichte neu und verpasst ihr eine Frischzellenkur, welche sicher gewagt ist und betonköpfische Altvordere ein wenig anstupsen könnte.
Auf dem Rückcover steht zu lesen: „Der Klassiker der Science-Fiction-Literatur. Neu und modern erzählt – und doch ganz dicht am Original.“. Der Rest des Textes ist da übliche Imaga-Werbegetrommel, doch diesen beiden Sätzen möchte ich wider Erwarten Recht geben, denn hier trifft die Werbung den Nagel zu 100% auf den Kopf.
Döring is back – zumindest für mich und wie immer subjektiv betrachtet – und ich hoffe und bete darum, dass er den zwei noch folgenden Produktionen – im Booklet sind „Das Imperium der Ameisen“ sowie der obligatorische „Krieg der Welten“ angekündigt – genau dieselbe Verjüngungskur verpasst hat, wie der Zeitmaschine.
